Heute ist er narzisstisch.
Früher war jemand anstrengend.
Heute ist er toxisch.
Früher war man beleidigt.
Heute ist man traumatisiert.
Die Menschen haben sich vermutlich weniger verändert als die Begriffe, mit denen wir sie beschreiben.
Manchmal reicht heute ein schwieriges Gespräch und plötzlich sitzt man gedanklich zwischen Persönlichkeitsstörung, Bindungstrauma und emotionaler Manipulation.
Jeder scheint inzwischen ein halber Therapeut zu sein.
Das Faszinierende daran ist:
Menschen urteilen nicht weniger als früher.
Sie tun es nur mit deutlich mehr Fachvokabular.
Früher war jemand einfach unsympathisch.
Heute klingt dieselbe Einschätzung, als sei zuvor eine mehrjährige klinische Beobachtung erfolgt.
Dabei gibt es eine erschreckend einfache Alternative:
Vielleicht war jemand einfach anstrengend.
Vielleicht war er arrogant.
Vielleicht war er rücksichtslos.
Vielleicht hat er sich schlicht wie ein Idiot benommen.
Nicht jede unangenehme Begegnung verdient sofort einen psychologischen Fachbegriff.
Und nicht jeder schlechte Mensch wird interessanter, wenn man ihn diagnostiziert.
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