
Es ist jedes Mal dasselbe.
Den ganzen Tag wird über Liegen, Zimmerkategorien, Buffetzeiten und WLAN-Empfang diskutiert.
Dann geht die Sonne unter.
Und plötzlich stehen Menschen am Geländer, blicken bedeutungsvoll in die Ferne und formulieren Erkenntnisse, auf die sie noch vor einer Stunde nicht gekommen wären.
Der Sonnenuntergang hat eine erstaunliche Fähigkeit, aus gewöhnlichen Urlaubern kurzfristig Lebensberater zu machen.
Manche schauen dabei so konzentriert auf den Horizont, als würde dort gleich die Bedienungsanleitung für ein gelungenes Leben erscheinen.
Andere nicken nachdenklich, als hätte die Natur soeben persönlich mit ihnen gesprochen.
Dabei ist es nur die Sonne.
Sie macht exakt das, was sie gestern getan hat.
Und vorgestern.
Und vermutlich auch morgen wieder.
Der Unterschied liegt nicht am Himmel.
Der Unterschied liegt in unserem Bedürfnis, jedem schönen Moment sofort eine tiefere Bedeutung zu geben.
Vielleicht fällt es uns schwer zu akzeptieren, dass etwas einfach nur schön sein könnte.
Ohne Erkenntnisgewinn.
Ohne Lebenslektion.
Ohne einen Gedanken, der unbedingt mit den Umstehenden geteilt werden muss.
Kaum färbt sich der Himmel orange, entstehen plötzlich Gespräche über den Sinn des Lebens, das Wesentliche und darüber, wie wenig man eigentlich braucht.
Bemerkenswert ist dabei, dass viele dieser Erkenntnisse erstaunlich selten bis zum Frühstück am nächsten Morgen überleben.
Dann geht es wieder um reservierte Liegen, zu lange Warteschlangen und die Frage, wer die letzte Melone genommen hat.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Magie solcher Momente.
Nicht darin, dass wir Antworten finden.
Sondern darin, dass wir für ein paar Minuten glauben, welche zu haben.
Reisebeobachtung: Kaum wird der Himmel orange, halten sich erstaunlich viele Menschen für weiser als noch beim Mittagessen.
Schreibe einen Kommentar