Die zweite Kasse

Im Supermarkt gibt es einen Moment, in dem Warteschlangen ihren Charakter verlieren.

Er beginnt mit einem einzigen Satz:

„Wir öffnen eine zweite Kasse.“

Bis dahin haben sich alle mit ihrer Position abgefunden.

Man steht.

Man wartet.

Man schaut aufs Handy.

Man akzeptiert, dass die Person vor einem offenbar den Wocheneinkauf eines kleinen Fürstentums aufs Band gelegt hat.

Dann nicht mehr.

Menschen drehen sich um.

Einkaufswagen wechseln die Richtung.

Lücken werden entdeckt, die vorher niemand gesehen hat.

Entfernungen werden neu bewertet.

Besonders bemerkenswert sind die Kunden hinter einem.

Vor wenigen Sekunden standen sie noch irgendwo zwischen Hundefutter und Konservendosen.

Jetzt stehen sie vorne.

Als wären sie dort schon die ganze Zeit gewesen.

Wer den Wechsel schafft, fühlt sich zunächst als Gewinner.

Das hält oft nicht lange.

Vor ihm steht ein Kunde, der bar bezahlt.

Münzgeld.

Sortiert nach Jahrgängen.

Eine Kundenkarte funktioniert nicht.

Ein Artikel hat keinen Preis.

Die Kassiererin benötigt Unterstützung.

Irgendwo wird eine Filialleitung gesucht.

Währenddessen arbeitet die alte Kasse stoisch weiter.

Ein Kunde nach dem anderen.

Ohne Drama.

Ohne Richtungswechsel.

Ohne taktische Manöver.

Und irgendwann blickt man zur ursprünglichen Schlange hinüber.

Dort bezahlt gerade der Kunde, hinter dem man ursprünglich gestanden hat.

Trotzdem funktioniert die zweite Kasse auch morgen wieder.


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