
Nicht jeder Trigger braucht ein Trauma.
Manchmal reicht ein Familienessen.
Es ist erstaunlich, wie schnell erwachsene Menschen in Anwesenheit ihrer Verwandtschaft wieder emotionalen WLAN-Empfang entwickeln:
instabil, empfindlich und kurz vor dem Ausfall.
Menschen mit Führungsverantwortung diskutieren plötzlich mit bemerkenswerter Intensität über Sitzordnungen, Kartoffelsalat oder den falschen Tonfall bei der Frage nach dem Salz.
„Das meine ich jetzt nicht böse.“
Was erfahrungsgemäß exakt die Ankündigung von etwas Bösem ist.
Familien verfügen über eine seltene Superkraft.
Sie schaffen es, Menschen innerhalb von fünf Minuten wieder in eine Version ihrer selbst zu verwandeln, die sie längst überwunden glaubten.
Plötzlich ist man nicht mehr Mitte vierzig.
Sondern gefühlt wieder zwölf.
Und verteidigt Positionen, die man vor einer Stunde noch für völlig belanglos hielt.
Wer bekommt das Eckstück vom Kuchen?
Warum wurde jemand zuerst begrüßt?
Und weshalb klingt ein harmloses „Aha“ in Familienkreisen wie eine verdeckte Kriegserklärung?
Außerhalb der Familie würden solche Gespräche vermutlich durch Moderatoren begleitet.
Oder durch Sicherheitskräfte.
Innerhalb der Familie nennt man es Tradition.
Bemerkenswert ist dabei die Effizienz.
Andere brauchen jahrelange Therapie, um verdrängte Gefühle freizulegen.
Familien schaffen das zwischen Vorspeise und Dessert.
Kostenlos.
Und oft inklusive Nachschlag.
Vielleicht liegt genau darin ihr eigentlicher Zweck.
Nicht im Essen.
Nicht in den Gesprächen.
Sondern in der regelmäßigen Erinnerung daran, dass unter jedem souveränen Erwachsenen noch irgendwo ein beleidigtes Kind sitzt.
Und darauf wartet, dass jemand fragt, warum es damals das größere Zimmer nicht bekommen hat.
Mit Kartoffelsalat.
Natürlich. 😌
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