
Manche Menschen schreiben „Bin gleich da“ und gehen danach duschen. Das Handy liegt noch auf dem Bett, aber sprachlich sind sie schon um die Ecke. Am anderen Ende zieht jemand die Jacke an. Eine Nachricht, zwei völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, wie weit der Abend fortgeschritten ist.
Wer wartet, rechnet mit einer roten Ampel, vielleicht noch mit der Parkplatzsuche. Dass die angekündigte Person gerade prüft, ob noch Shampoo da ist, gehört eher nicht zu den naheliegenden Möglichkeiten. Erst auf Nachfrage kommt die Ergänzung: „Muss nur noch kurz duschen.“ Das erklärt einiges. Vor allem, weshalb draußen weiterhin niemand zu sehen ist.
Erstaunlich ist, wie viel anschließend noch in dieses „kurz“ hineinpasst. Nach dem Duschen müssen die Haare getrocknet, eine Hose gefunden und der Schlüssel gesucht werden. Dazwischen bleibt sogar Zeit, sich kurz hinzusetzen und am Handy nachzusehen, ob der andere schon wieder fragt. Der wirkt heute aber auch ungeduldig.
Im Flur ist die Zeit deutlich knapper. Für einen Kaffee reicht es vermutlich nicht mehr, zum Ausräumen der Spülmaschine auch nicht. Man möchte ja nicht ausgerechnet dann die Hände voller Besteck haben, wenn nach einer Dreiviertelstunde überraschend die angekündigte Person auftaucht. Also wird vorsichtshalber nichts angefangen. Die Jacke bleibt an, der Schlüssel in der Hand. Es könnte schließlich jeden Moment losgehen.
Mit jeder weiteren Nachricht verlängert sich dieser Zustand. „Bin fast fertig“ reicht, um noch stehen zu bleiben. „Jetzt gleich“ verhindert zuverlässig, dass doch noch Kaffee aufgesetzt wird. Dieselben vierzig Minuten reichen dem einen zum Duschen, Anziehen und Schlüsselsuchen. Der andere schafft es in dieser Zeit nicht einmal, die Spülmaschine auszuräumen. Er muss schließlich los. Gleich.
Natürlich könnte man schreiben: „Brauche noch eine halbe Stunde.“ Dann hätte der andere ebenfalls eine halbe Stunde. Allerdings wäre er bei der Ankunft womöglich noch beschäftigt. Vielleicht müsste man warten, bis er seine Tasse ausgespült hat. Nach all der Vorbereitung auch noch eine Verzögerung. Das wäre ärgerlich.
Irgendwann klingelt es. Die Person steht frisch geduscht vor der Tür und wundert sich, dass der andere die ganze Zeit im Flur gewartet hat.
„Hättest ja in der Zeit noch was machen können.“
Ein guter Hinweis. Jetzt, wo die Zeit vorbei ist, lässt sie sich deutlich besser planen.
Duschen zum Beispiel. Dafür hätte es offenbar noch gereicht.
— Melanie Voigt
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