
Fliegen beginnt zu Hause mit der Frage, was man für eine Woche wirklich braucht. Die Antwort lautet meistens: mehr, als in den Koffer passt.
Also wird gepackt. Kleidung für warmes Wetter, Kleidung für kühles Wetter, etwas für abends und sicherheitshalber noch eine Jacke. Dazu Schuhe für Gelegenheiten, die mit ziemlicher Sicherheit nicht eintreten werden. Nach einer Weile ist der Koffer voll und enthält ausschließlich Dinge, auf die unmöglich verzichtet werden kann.
Dann wird gewogen. 24,3 Kilo.
Es beginnt eine Phase, in der einzelne Kleidungsstücke plötzlich nach ihrem Gewicht beurteilt werden. Der dicke Pullover fliegt raus, ein Paar Schuhe wandert ins Handgepäck und bei der Reiseapotheke wird kurz überlegt, was davon für eine Woche Mallorca tatsächlich nötig ist.
Am Flughafen wiegt der Koffer trotzdem wieder mehr. Flughafenwaagen genießen allerdings eine Autorität, die Personenwaagen zu Hause nie erreichen werden. Man nimmt es hin.
Danach geht es zum Gate. Noch vierzig Minuten bis zum Boarding. Der Sitzplatz ist reserviert, das Flugzeug steht draußen und eigentlich gibt es nichts zu tun. Eine erstaunlich schwierige Situation.
Sobald sich hinter dem Schalter jemand bewegt, werden die Ersten aufmerksam. Wird dann auch noch das Mikrofon angefasst, stehen Menschen auf. Was gesagt wird, ist zunächst zweitrangig. Wichtig ist, schon einmal in der Nähe zu sein.
„Wir beginnen mit Gruppe 1.“
Gruppe 4 erhebt sich.
Vielleicht wird heute anders geboardet. Vielleicht überspringt man zwei und drei. Vielleicht gilt die aufgedruckte Gruppe nur als grobe Empfehlung. Man weiß es nicht und möchte in solchen Dingen kein unnötiges Risiko eingehen.
Innerhalb weniger Minuten steht ein beachtlicher Teil der Passagiere vor dem Gate. Jeder hat einen reservierten Sitzplatz. Niemand bekommt einen besseren, weil er früher in der Schlange steht. Das ist bekannt. Es spielt nur keine erkennbare Rolle.
Beim eigentlichen Boarding zeigt sich dann, dass zwanzig Minuten Wartezeit nicht ausgereicht haben, um den Reisepass bereitzuhalten. Er befindet sich irgendwo in einer Tasche. Vermutlich unter dem Buch, den Kopfhörern und den Sachen, die wegen des Koffergewichts kurzfristig ins Handgepäck umgezogen sind.
Im Flugzeug geht es mit dem Verstauen weiter. Besonders interessant sind Kabinenkoffer, die ungefähr die Maße einer kleinen Kommode haben. Sie passen nicht ins Gepäckfach, was ihre Besitzer selten sofort überzeugt. Meist wird erst gedreht, gedrückt und noch einmal anders angesetzt. Die Menschen dahinter schauen dabei zu und entwickeln innerhalb weniger Minuten eine bemerkenswerte persönliche Beziehung zu diesem Koffer.
Irgendwann sitzt tatsächlich jeder. Die Türen schließen, das Flugzeug startet und für ein paar Stunden funktioniert das Prinzip des reservierten Sitzplatzes erstaunlich gut.
Bis zur Landung.
Kaum sind die Räder am Boden, werden die ersten Gurte geöffnet. Kurz darauf stehen Menschen im Gang, obwohl das Flugzeug noch rollt und die Türen geschlossen sind.
Man könnte sitzen bleiben.
Aber nach einem ganzen Flug möchte offenbar niemand das Risiko eingehen, am Ende noch mit zurückfliegen zu müssen.
– Melanie Voigt
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