Es stand alles da

Screenshot

Reisekataloge lügen nicht. Sie formulieren nur so lange, bis die Wahrheit nach Urlaub klingt.

Ein Hotel liegt deshalb selten an einer viel befahrenen Straße. Es ist „verkehrsgünstig gelegen“. Das klingt weniger nach Lastwagen um sechs Uhr morgens und mehr danach, dass man erfreulich schnell wieder abreisen könnte.

„Zentral gelegen“ bedeutet, dass man mitten im Geschehen wohnt. Wie viel Geschehen nachts um halb drei noch übrig ist, erfährt man meist vom Balkon aus.

Der befindet sich übrigens auf der „Meerseite“. Nicht zu verwechseln mit Meerblick.

Die Meerseite ist jene Hälfte des Gebäudes, auf der sich irgendwo hinter dem Nachbarhotel, drei Palmen, einer Klimaanlage und dem Lieferanteneingang theoretisch das Meer befindet. Man sieht es nicht. Aber man wohnt schon einmal richtig herum.

Auch Entfernungen werden im Reisekatalog eher optimistisch betrachtet. „Nur wenige Gehminuten zum Strand“ kann einen kurzen Spaziergang meinen. Oder einen Weg, auf dem man irgendwann beginnt, Proviant und geeignetes Schuhwerk zu vermissen.

Dafür ist er häufig „abwechslungsreich“. Vorbei an einer Hauptstraße, einer Baustelle und mehreren Gelegenheiten, die Buchungsentscheidung noch einmal in Ruhe zu überdenken.

Im Hotel erwarten den Gast „landestypische Zimmer“. Klein, schlicht und mit Armaturen, deren Bedienung sich erst nach einigen Versuchen und einem unbeabsichtigten Wechselbad erschließt.

Wer sich beschwert, hat das Land vermutlich einfach nicht verstanden.

„Zweckmäßig eingerichtet“ heißt, dass alles vorhanden ist, was unbedingt vorhanden sein muss: ein Bett, eine Tür. Gelegentlich sogar in dieser Reihenfolge.

Besonders schön sind „aufstrebende Ferienorte“. Dort wird gebaut.

Der Ort strebt, hämmert, bohrt und betoniert sich zuverlässig in Richtung Zukunft. Der Gast darf diesen Aufstieg aus nächster Nähe verfolgen. Meist ab sieben Uhr morgens.

Lärm ist im Reisekatalog ohnehin selten Lärm. Er ist Atmosphäre.

Das Hotel ist „bei internationalen Gästen beliebt“, die Poolbar „kommunikativ“ und das Abendprogramm „abwechslungsreich“. Wer schlafen möchte, hat offenbar das Urlaubskonzept nicht verstanden.

Dafür gibt es Zimmer „in bevorzugter Lage“. Was genau dort bevorzugt wird und von wem, bleibt offen.

Spätestens vor Ort wird dann klar, wie genau der Katalog eigentlich war.

Man sitzt im zweckmäßig eingerichteten Zimmer auf der Meerseite, hört die verkehrsgünstige Lage und blickt auf den aufstrebenden Ferienort.

Es stand alles da.

Man hätte nur wissen müssen, was gemeint war.

— Melanie Voigt


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert