
Es gibt Traditionen, die man bewahrt. Und es gibt Traditionen, die vor allem deshalb überleben, weil sie sich gut vermarkten lassen.
Die Fiaker gehören vermutlich in die zweite Kategorie.
Kaum ein Wien-Besuch ohne Pferdekutsche. Für die einen gehören sie zum Stadtbild, für die anderen zum perfekten Urlaubsfoto. Sie warten vor Sehenswürdigkeiten, gehören zu Reiseführern und Postkartenmotiven und wirken für viele so selbstverständlich wie die historischen Fassaden der Stadt. Kaum jemand fragt sich, wie dieses Bild aus der Perspektive des Pferdes aussieht.
Stattdessen wird darüber diskutiert, ab welcher Temperatur Fiaker noch fahren dürfen. 33 Grad. 35 Grad. 36 Grad. Als ließe sich Tierwohl in Grad Celsius berechnen.
Die Debatte dreht sich um Grenzwerte. Kaum um das Prinzip.
Dabei beginnt die eigentliche Frage nicht mit der Hitze, sondern mit der Vorstellung, dass Pferde im Jahr 2026 noch immer Touristen durch eine Großstadt ziehen.
Unser Blick auf Tiere hat sich verändert. Haustiere gelten als Familienmitglieder. Wildtiere sollen geschützt werden. Über Tierhaltung wird intensiver diskutiert als je zuvor.
Doch ausgerechnet dort, wo Tradition auf Tourismus trifft, scheint all das plötzlich verhandelbar zu sein. Dann wird aus einem Lebewesen eine Attraktion. Und aus Tierwohl eine Ausnahme.
Die Fiaker sind kein Einzelfall. Sie stehen für einen Tourismus, der Tiere noch immer als Teil des Erlebnisses begreift. Nicht, weil es notwendig wäre. Sondern weil wir uns daran gewöhnt haben.
Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Widerspruch. Je mehr wir über Tiere wissen, desto kreativer werden wir darin, Ausnahmen zu begründen, sobald Gewohnheit, Nostalgie oder wirtschaftliche Interessen ins Spiel kommen.
Traditionen verdienen Respekt. Aber nicht jede Tradition verdient eine Zukunft. Vor allem dann nicht, wenn sie auf Kosten derer weiterlebt, die keine Wahl haben.
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