
Kaum ein Tier muss sich in Deutschland so oft für seine bloße Existenz rechtfertigen wie der Wolf.
Er selbst hat sich dazu bislang nicht geäußert.
Kaum wird irgendwo ein Wolf gesichtet, beginnt die Debatte. Politiker fordern Konsequenzen, Verbände widersprechen, Experten werden zitiert und in den sozialen Netzwerken steht das Urteil oft fest, bevor überhaupt bekannt ist, was passiert ist.
Dem Wolf wird dabei eine bemerkenswerte Rolle zugeschrieben. Er gilt gleichzeitig als Symbol gelungenen Naturschutzes, als Bedrohung für die Weidetierhaltung, als politischer Zankapfel und als Projektionsfläche für vieles, was zwischen Stadt und Land seit Jahren nicht mehr richtig funktioniert.
Für ein Wildtier ist das eine erstaunliche Karriere.
Dabei tut der Wolf nichts Außergewöhnliches. Er sucht ein Revier, jagt Beute und nutzt Lebensräume, die wir ihm nach Jahrzehnten der Verfolgung wieder ermöglicht haben.
Mehr nicht.
Natürlich sind gerissene Schafe keine Randnotiz. Wer Tiere hält, erlebt solche Bilder nicht als politische Debatte, sondern auf der eigenen Weide. Diese Sorgen verdienen Respekt – und sie verlangen Lösungen statt Schlagworte.
Dazu gehören funktionierender Herdenschutz, unbürokratische Entschädigungen und dort, wo es rechtlich vorgesehen ist, ein konsequentes Management einzelner Problemwölfe.
Was mich an der Wolfsdebatte dennoch irritiert, ist etwas anderes.
Wir diskutieren erstaunlich häufig darüber, wie sich der Wolf verhalten sollte.
Deutlich seltener sprechen wir darüber, welche Erwartungen wir eigentlich an Natur haben.
Offenbar wünschen wir uns Wildtiere.
Aber bitte solche, die niemandem begegnen.
Sie sollen geschützt sein, ohne Konflikte auszulösen. Sie sollen existieren, solange ihre Existenz keine Folgen hat.
Das ist verständlich.
Mit Wildnis hat es allerdings wenig zu tun.
Vielleicht liegt genau dort der eigentliche Konflikt.
Nicht zwischen Wolf und Mensch.
Sondern zwischen unserem Wunsch nach Natur und unserem Wunsch, sie jederzeit kontrollieren zu können.
Der Wolf hat diese Debatte nicht begonnen.
Er weiß vermutlich nicht einmal, dass sie geführt wird.
Wir dagegen diskutieren seit Jahren über ein Tier, das nichts anderes tut, als ein Wolf zu sein.
Vielleicht verlangt diese Debatte bis heute die falschen Antworten vom falschen Beteiligten.
Nicht der Wolf muss seine Existenz rechtfertigen. Sondern die Art, wie wir mit ihm umgehen.
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