
Man gönnte es ihm. Natürlich. Man ist ja kein Unmensch.
Man gönnte ihm den neuen Job, die Beförderung, das Buch, den Erfolg und meinetwegen auch das Haus mit der Terrasse, auf der man später sitzen und erklären kann, dass Geld allein schließlich auch nicht glücklich macht.
Solange jemand nur Pläne hat, ist Großzügigkeit erstaunlich einfach. „Mach das unbedingt.“ „Du schaffst das.“ „Ich drücke dir die Daumen.“ Daumen drücken ist schließlich kostenlos.
Dann funktioniert es.
Und damit beginnen die Probleme.
Der neue Job ist tatsächlich besser. Das Buch verkauft sich. Die Selbstständigkeit läuft. Und die Idee, bei der alle sehr verständnisvoll geguckt haben, war offenbar doch keine beginnende Lebenskrise.
Jetzt muss eingeordnet werden.
„Der hatte aber auch Glück.“ Natürlich hatte er das. Der eigene Erfolg kommt von Fleiß, Mut und Durchhaltevermögen. Beim Erfolg der anderen war vermutlich das Timing gut. Oder die Kontakte. Oder die Eltern. Oder der Algorithmus.
Irgendwas wird sich finden.
Ein bisschen Erfolg ist schließlich völlig in Ordnung. Am besten so viel, dass man noch entspannt gratulieren kann. Wird es mehr, beginnt die Buchprüfung. Wer hat geholfen? Was hat das gekostet? War das wirklich alles selbst erarbeitet?
Und überhaupt: Früher war der auch irgendwie sympathischer.
Man gönnt es ihm ja.
Aber.
Nach diesem „Aber“ kommt selten etwas, das nach Glückwunschkarte klingt.
„Ich gönne es ihm ja, aber er hatte auch die richtigen Leute.“
„Ich gönne es ihr ja, aber so toll ist das nun auch wieder nicht.“
„Ich gönne es denen ja, aber ich würde so nicht leben wollen.“
Gut, dass das geklärt ist.
Neid sagt heute schließlich nicht mehr: „Ich hätte das auch gern.“ Das wäre unangenehm direkt. Er sagt: „Man muss das auch mal realistisch sehen.“ Und schon klingt Missgunst fast wie eine sachliche Einordnung.
Vielleicht ist das das Sicherste am Erfolg: Irgendwann findet sich jemand, der einem erklärt, warum man ihn eigentlich gar nicht verdient hat.
Man gönnt ja.
— Melanie Voigt
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