Warum benehmen sich Menschen beim Boarding, als gäbe es nur zwölf Plätze?

Das Gate ist noch geschlossen.

Die Sitzplätze sind vergeben.

Niemand wird zurückgelassen.

Und trotzdem entsteht zuverlässig eine Bewegung, als hinge das persönliche Urlaubsglück davon ab, drei Minuten früher in Reihe 18 zu sitzen.

Menschen stehen auf.

Rücken vor.

Bilden eine zweite Reihe vor der ersten Reihe.

Blockieren Wege, die wenige Minuten später ohnehin wieder frei sein werden.

Es ist ein erstaunliches Schauspiel.

Denn die Regeln sind bekannt. Die Abläufe ebenso. Niemand gewinnt etwas. Niemand verliert etwas.

Und doch scheint in diesem Moment etwas anderes mitzuspielen.

Vielleicht geht es gar nicht um das Flugzeug.

Vielleicht geht es um unser Verhältnis zum Warten.

Warten bedeutet Kontrollverlust. Man ist bereit, aber noch nicht dran. Man möchte los, muss aber bleiben, wo man ist.

Das fällt uns schwer.

Also tun wir etwas.

Wir stehen auf.

Wir rücken näher.

Wir sichern Positionen, die faktisch keinen Vorteil bringen, aber das Gefühl vermitteln, Einfluss auf den Ablauf zu haben.

Das Boarding wird damit zu einer kleinen Studie des menschlichen Verhaltens.

Über Ungeduld.

Über die Angst, zu spät zu kommen, obwohl man pünktlich ist.

Über das Bedürfnis, einen Vorsprung zu haben, selbst wenn das Ziel für alle dasselbe bleibt.

Vielleicht deshalb wirkt dieser Moment so vertraut.

Man begegnet ihm nicht nur am Flughafen.

Sondern im Straßenverkehr.

An Supermarktkassen.

In Warteschlangen.

Und manchmal auch im Alltag, wenn Menschen lieber hektisch vorankommen möchten, als gelassen anzukommen.

Am Ende sitzen alle im selben Flugzeug.

Die Türen schließen sich.

Die Maschine hebt ab.

Und die drei Minuten Vorsprung lösen sich irgendwo über den Wolken auf.

Alle steigen ein. Nur manche etwas gereizter.

Melanie Voigt


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