Der Eiffelturm

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Es gibt Bauwerke, bei denen man sofort versteht, warum Menschen davor stehen bleiben. Und dann gibt es den Eiffelturm.

Ein riesiges Eisengerüst mitten in Paris, das im Grunde aussieht, als hätte jemand einen Hochspannungsmast sehr ernst genommen. Trotzdem stehen Menschen davor, halten sich an den Händen und sagen: „Ist das nicht wunderschön?“

Nun. Paris schon. Beim Turm bin ich noch nicht ganz durch.

Fairerweise: Der Eiffelturm war nie bloß als hübsches Stadtmöbel gedacht. Er entstand für die Weltausstellung 1889 und sollte zeigen, was Ingenieurskunst damals konnte. Das hat er zweifellos geschafft. Hübsch war offenbar nicht Teil der Ausschreibung.

Und damit war ich nicht einmal allein. Schon damals fanden ihn einige ausgesprochen hässlich. Das beruhigt mich ein wenig. Man ist ungern allein mit einer Meinung, wenn einem Millionen Postkarten widersprechen.

Wahrscheinlich hilft es, dass wir seit Jahrzehnten lernen, ihn romantisch zu finden. Filme. Parfümwerbung. Heiratsanträge. Sonnenuntergänge. Irgendwo ein Croissant im Vordergrund. So etwas wirkt.

Wenn man oft genug hört, dass ein Ort romantisch ist, möchte man irgendwann auch nicht mehr unangenehm auffallen und sagen: „Entschuldigung, aber das ist ein ziemlich großes Stück Metall.“

Zumal der Eiffelturm einen entscheidenden Vorteil hat: Er glitzert. Das hilft enorm.

Vieles sieht bei Dunkelheit besser aus. Architektur offenbar auch.

Was tagsüber noch nach Ingenieursleistung aussieht, wird abends plötzlich zu Sehnsucht. Ein paar Lämpchen, etwas Nacht, Paris drumherum – und fertig ist die Romantik.

Das muss man der Stadt lassen. Sie verkauft Eisen wie andere Leute Champagner.

Und irgendwann stellt auch niemand mehr die entscheidende Frage: Ist das eigentlich schön?

Er ist Liebe. Er ist Paris. Er ist Sehnsucht. Er ist das Motiv auf Tassen, Taschen, T-Shirts und ungefähr jedem zweiten Junggesellinnenabschied mit Fernweh.

Und irgendwann steht man selbst davor und denkt: Ja. Schon irgendwie schön.

Vielleicht reicht es tatsächlich, wenn eine Geschichte oft genug erzählt wird.

Denn nüchtern betrachtet steht da immer noch: sehr viel Eisen.

Nur eben mit ausgezeichnetem Marketing.

— Melanie Voigt


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