Es gibt offenbar einen Reflex, den ich bisher unterschätzt habe.
Man schreibt eine allgemeine Beobachtung über menschliches Verhalten – und wenig später erklären einem Menschen, warum sie persönlich damit auf gar keinen Fall gemeint sein können.
Das Erstaunliche daran: Sie waren auch gar nicht gemeint.
Schreibt man zum Beispiel, dass sich fast jeder selbst für unkompliziert hält, melden sich zuverlässig Menschen, die tatsächlich unkompliziert sind. Sagen sie jedenfalls. Ausführlich.
Das ist natürlich beruhigend.
Ähnlich funktioniert es bei Rechthaberei, Selbstdarstellung oder mangelnder Kritikfähigkeit. Kaum beschreibt man ein Verhalten, beginnt irgendwo jemand mit der Beweisführung in eigener Sache.
„Also bei mir ist das ganz anders.“
Kann sein. Stand da auch nicht.
Offenbar lesen wir allgemeine Beobachtungen inzwischen gelegentlich wie einen Persönlichkeitstest. Man schaut hinein, erkennt irgendwo eine verdächtige Ähnlichkeit und möchte das Ergebnis anschließend reklamieren.
Besonders hübsch wird es, wenn die Reaktion unfreiwillig zum Anschauungsmaterial wird. Da wird unter einer Bemerkung über Rechthaberei sehr nachdrücklich erklärt, warum man keineswegs rechthaberisch sei. Auf eine Beobachtung über Rechtfertigungen folgt eine Rechtfertigung. Und wer mangelnde Gelassenheit thematisiert, kann sich ziemlich sicher sein, dass irgendjemand darauf ungehalten reagiert.
Manchmal muss man als Autorin wirklich nicht mehr viel machen. Das Publikum liefert den zweiten Absatz selbst.
In sozialen Netzwerken funktioniert das besonders zuverlässig. Dort reicht mitunter schon das Wort „manche“.
Manche Menschen tun dies. Manche machen jenes.
Und irgendwo denkt jemand: „Frechheit. Mich meint sie.“
Nein.
Aber die freiwillige Wortmeldung ist durchaus interessant.
Natürlich ist es völlig legitim, sich in einem Text wiederzuerkennen. Genau das können Beobachtungen schließlich auslösen. Interessant wird es nur dort, wo aus Wiedererkennen sofort Verteidigung wird.
Denn eine Beobachtung ist keine Vorladung. Man muss nicht erscheinen, keine Stellungnahme abgeben und braucht auch keine Entlastungszeugen.
Wer sich wirklich nicht angesprochen fühlt, hat es sogar ausgesprochen bequem.
Er liest einfach weiter.
— Melanie Voigt
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