Menschen behaupten gern, sie glaubten nicht an Horoskope.
Das wird meist mit einer Ernsthaftigkeit vorgetragen, die bereits verdächtig wirkt.
Astrologie sei Unsinn.
Sternzeichen seien Quatsch.
Und überhaupt könne man Menschen unmöglich anhand ihres Geburtsdatums beurteilen.
So weit die Theorie.
Dann taucht irgendwo ein Wassermann auf.
Und plötzlich verändert sich die Stimmung.
„Ach so.“
„Jetzt ergibt alles Sinn.“
„Das erklärt natürlich einiges.“
Innerhalb weniger Sekunden verwandeln sich vernünftige Erwachsene in Ermittler einer kosmischen Sonderkommission.
Verhaltensweisen, die eben noch individuelle Eigenschaften waren, werden nun sorgfältig dem Tierkreis zugeordnet.
Unpünktlich?
Typischer Schütze.
Nachtragend?
Klingt nach Skorpion.
Kann sich nicht entscheiden?
Zwilling.
Fall gelöst.
Besonders faszinierend ist dabei die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen akzeptieren, dass der exakte Zeitpunkt ihrer Geburt heute noch Einfluss auf ihr Liebesleben, ihre Kommunikationsfähigkeit und ihre Konfliktlösungskompetenz haben soll.
Dabei scheitern wir regelmäßig daran, uns an Passwörter zu erinnern, die wir selbst erstellt haben.
Aber die Position des Mars vor drei Jahrzehnten soll bis heute zuverlässig Auskunft über unseren Charakter geben.
Ich selbst bin übrigens Jungfrau.
Das bedeutet laut verschiedener Quellen, dass ich organisiert, analytisch und detailverliebt bin.
Oder anders gesagt:
Ich habe diesen Absatz gerade dreimal gelesen, bevor ich ihn veröffentlicht habe.
Vielleicht ist Astrologie deshalb so beliebt.
Nicht weil Menschen wirklich glauben, dass die Sterne ihr Leben bestimmen.
Sondern weil wir Erklärungen mögen.
Für uns selbst.
Für andere.
Und ganz besonders für Menschen, die uns gelegentlich auf die Nerven gehen.
Denn „Wir passen einfach nicht zusammen“ klingt deutlich komplizierter als:
„Er ist Wassermann.“
Teilnehmende Beobachtung: Menschen lachen erstaunlich lange über Horoskope. Bis sie eines brauchen.
— Melanie Voigt
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