
Im Salzkammergut liebt man Singvögel. So sehr, dass man sie einfängt.
Seit dem 15. September dürfen dort Stieglitze, Zeisige, Gimpel und Fichtenkreuzschnäbel aus der Natur geholt werden. Die Fangzeit dauert bis zum 30. November. Anschließend werden die Tiere in Volieren gehalten und bei traditionellen Waldvogelausstellungen in Käfigen präsentiert. Dort kürt man die schönsten Exemplare.
Der Mensch fängt also einen Wildvogel, sperrt ihn ein und vergibt anschließend einen Preis dafür, dass er besonders schön aussieht. Nicht der Vogel bekommt den Preis, sondern sein Besitzer.
Bewertet werden unter anderem Farbenpracht, Unversehrtheit und Pflegezustand. Besonders die Unversehrtheit ist ein bemerkenswertes Kriterium. Schließlich ist der Vogel nicht freiwillig zur Ausstellung erschienen. Er wurde vorher eingefangen. Aber immerhin sieht er noch gut aus.
Die oberösterreichische Artenschutzverordnung legt die Höchstzahl bei 550 Vögeln je Art und Fangsaison fest. Für die vier Arten ergibt das eine Obergrenze von 2.200 Vögeln. Der zulässige Fang von Lockvögeln ist davon ausdrücklich ausgenommen.
Nach den Ausstellungen bleiben die Tiere über den Winter in Volieren und müssen spätestens bis zum 10. April wieder freigelassen werden. Ausgenommen sind die Lockvögel. Sie dürfen weiterhin gehalten werden und sollen mit ihrem Gesang dafür sorgen, dass im nächsten Herbst weitere Artgenossen in die Fangvorrichtungen geraten.
Der eine Vogel sitzt fest, damit der nächste dazukommt. Beim Menschen wäre ein solches Verfahren vermutlich erklärungsbedürftig. Beim Tier genügt offenbar der Hinweis auf das Brauchtum.
Der Salzkammerguter Vogelfang steht seit 2010 im österreichischen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes. Als Begründung dienen regionale Identität, überliefertes Wissen, Vereinsleben und die lange Geschichte des Vogelfangs.
Das erklärt, woher der Brauch kommt. Ob er deshalb heute noch richtig ist, steht auf einem anderen Blatt.
Denn auch eine jahrhundertealte Tradition findet in der Gegenwart statt. Und dort darf man sie danach beurteilen, was sie für die Beteiligten bedeutet. Für den Menschen geht es um Heimatpflege und Gemeinschaft. Für den Vogel um Fang, Transport, Gefangenschaft und Ausstellung. Ganz ausgewogen ist diese Interessenlage nicht.
Die Vogelfänger verweisen auf Vorschriften, Kontrollen, geeignete Volieren und die spätere Freilassung. Das mag die Bedingungen regeln, unter denen die Tiere gehalten werden. Es beantwortet aber nicht die Frage, weshalb ein wildlebender Vogel überhaupt gefangen werden muss, damit Menschen ihre Verbundenheit zur Natur feiern können.
Dabei ließe sich vieles erhalten: das Wissen über die Vogelarten, ihre Gesänge und ihre Lebensräume, ebenso das Vereinsleben und die Ausstellungen. Man könnte die Tiere beobachten, fotografieren und ihren Gesang dokumentieren. Sogar die Wahl des schönsten Exemplars könnte bleiben, falls die Natur auch hier unbedingt einen Sieger braucht.
Nur der Vogel bliebe draußen.
Offenbar hängt die Identität des Brauchs jedoch ausgerechnet an dem Teil, der für das Tier am schlechtesten ausgeht: an seiner Gefangennahme.
Im Juni 2026 hat Oberösterreich die Ausnahmebestimmungen noch einmal überarbeitet. Fangbewilligungen können nun für bis zu sechs Saisons erteilt werden. Während vielerorts darüber diskutiert wird, wie heimische Vogelarten besser geschützt werden können, schafft man im Salzkammergut Planungssicherheit für den Vogelfang.
Die Österreichische UNESCO-Kommission hat den Brauch inzwischen in einen Monitoringprozess aufgenommen. Anlass sind die tierethischen Fragen und die öffentliche Kritik. Das ist folgerichtig, denn ein Eintrag als Kulturerbe darf eine Tradition nicht jeder moralischen Prüfung entziehen.
Im Salzkammergut könnte man weiterhin die Schönheit der Singvögel feiern.
Man müsste sie dafür nur fliegen lassen.
— Melanie Voigt
Quellen:
Oö. Artenschutzverordnung, § 11:
https://ris.bka.gv.at/Dokumente/Landesnormen/LOO40026897/LOO40026897.html
Österreichische UNESCO-Kommission – Salzkammergut Vogelfang:
https://www.unesco.at/kultur/immaterielles-kulturerbe/verzeichnis/element/salzkammergut-vogelfang
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