Julia wohnt hier nicht

Ihre Post kommt trotzdem an.

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In Verona steht das vermeintliche Haus einer Frau, für deren historische Existenz es keinen belastbaren Nachweis gibt. Es besitzt einen Balkon, der erst Jahrhunderte später angebaut wurde, und eine Bronzestatue, deren Brust von Touristen so ausdauernd angefasst wurde, dass sie Schaden nahm.

Eine solide Grundlage für eine Sehenswürdigkeit.

Zu finden ist das Ganze in der Via Cappello 23. Das Gebäude ist tatsächlich alt und seit 1351 dokumentiert. Eine Bewohnerin namens Julia hingegen nicht. Die Frau, deretwegen heute Menschen aus aller Welt anreisen, ist eine literarische Figur.

Im 18. Jahrhundert begann man, das Gebäude als vermeintliches Haus der Capulets anzusehen. Die Stadt Verona kaufte es 1905 und ließ es zwischen 1939 und 1940 so umgestalten, wie man sich das Zuhause einer mittelalterlichen Liebenden vorstellte: historisches Gemäuer, passende Verzierungen und natürlich ein Balkon.

Der wurde damals aus mittelalterlichen Marmorstücken zusammengesetzt. Mit genügend alten Steinen lässt sich offenbar auch eine neue Vergangenheit bauen.

Seitdem stellen sich Menschen in den Innenhof und schauen zu einem Balkon hinauf, den es zu der Zeit, in der die Geschichte spielen soll, an dieser Fassade noch gar nicht gab. Manche betreten ihn selbst und lassen sich dort fotografieren. Immerhin waren sie dann nachweislich an einem Ort, an dem die Person, um die es geht, nachweislich nicht war.

Im Hof wartet außerdem eine Bronzestatue der Julia. Wer ihre rechte Brust berührt, soll Glück in der Liebe haben. Warum ausgerechnet das ungefragte Anfassen einer Frauenfigur die Aussichten auf eine glückliche Beziehung verbessern soll, gehört zu den Fragen, die man in Verona lieber nicht stellt.

Gegen so viel Aussicht auf Liebesglück hatte die Würde der Statue offenbar keine Chance. Das Original war nach jahrzehntelangem Berühren so stark beschädigt, dass es 2014 durch eine Kopie ersetzt wurde. An dieser wurde zehn Jahre später erneut ein Loch in der Brust festgestellt.

Die Liebe hinterlässt Spuren. In Verona sind sie aus Bronze.

Wer seine Beziehungsfragen lieber schriftlich klärt, kann sich direkt an Julia wenden. Briefe mit der Anschrift „Julia, Verona“ kommen tatsächlich an. Ehrenamtliche Sekretärinnen und Sekretäre des Julia-Clubs beantworten sie. Nach Angaben des Clubs sind es rund 50.000 im Jahr.

Eine literarische Figur bekommt damit mehr persönliche Post als mancher lebende Mensch. Vielleicht liegt es daran, dass sie weder widerspricht noch ungefragt Sprachnachrichten von acht Minuten Länge verschickt.

Natürlich ist die Casa di Giulietta eine touristische Inszenierung. Aus einem alten Gebäude wurde die Adresse einer erfundenen Frau, aus historischen Marmorstücken ein berühmter Balkon und aus einer Tragödie ein Reiseziel mit Eintrittskarten und Souvenirs.

Das Geschäft mit der großen Liebe funktioniert bis heute erstaunlich zuverlässig. Denn beim Reisen wollen wir nicht immer wissen, was an einem Ort wirklich geschehen ist. Manchmal reicht es, wenn er überzeugend genug danach aussieht.

So stehen Menschen in Verona vor Julias Haus, fotografieren Julias Balkon, berühren Julias Statue und schreiben Julia Briefe.

Sie wissen, dass Julia dort nie gelebt hat.

Aber Konsequenz war noch nie die größte Stärke der Liebe.

Melanie Voigt

Bildnachweis: „Casa Giulietta“ – Andrea Bertozzi/Wikimedia Commons, bearbeitet. Lizenz: CC BY-SA 4.0: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/


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