Der Wal bleibt liegen

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Hope ist zurück.

Nicht als Tier. Als Kulisse.

Der Buckelwal, der im Frühjahr vor Poel festsaß und auch Timmy genannt wurde, war zunächst ein Wildtier in Not. Dann wurde er zum Medienereignis und schließlich zur Projektionsfläche. Entscheidungen, Zuständigkeiten und öffentlicher Rettungswille gerieten zunehmend durcheinander. Menschen reisten an, filmten, diskutierten und wussten erstaunlich genau, was das Tier brauchte.

Vor allem brauchte es offenbar Bedeutung.

Was Menschen aus Hope machen, lässt sich inzwischen besichtigen.

In Schwerin liegt eine beinahe lebensgroße Nachbildung des Wals. Das Mecklenburgische Staatstheater verarbeitet die Ereignisse in der szenischen Lesung „Fischbrötchen und Walgesang“. Laut Ankündigung geht es dabei um die Erregung im Netz und um Erzählungen, die sich verselbstständigen.

Das ist ein legitimer Gegenstand für Theater. Kunst darf gesellschaftliche Vorgänge aufgreifen, zuspitzen und untersuchen. Der Fall Hope bietet dafür reichlich Material. Aus einem Wildtier wurde innerhalb weniger Wochen eine öffentliche Angelegenheit mit Rettern, Kritikern und einem eigenen Fanlager.

Nun soll die Walnachbildung beim Schweriner Demokratiefest gezeigt werden. Acht Tage vor der Landtagswahl. Es handelt sich nicht um klassische Wahlwerbung für eine bestimmte Partei, sondern um eine Veranstaltung für Demokratie, Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Trotzdem bleibt ein schaler Eindruck.

Denn wieder liegt dort ein Wal, während Menschen über sich selbst sprechen.

Das ist nicht grundsätzlich falsch. Der Fall hat gezeigt, wie Entscheidungen getroffen werden, wie Verantwortung verteilt wird und wie schnell das eigentliche Tier hinter der öffentlichen Debatte verschwindet. Fragwürdig wird die Aufarbeitung dort, wo der Wal erneut zum öffentlichkeitswirksamen Symbol wird und seine Geschichte abermals einer menschlichen Botschaft dienen muss.

Während Hope vor Poel festsaß, wurde der Wal mit Hoffnung, Versagen und politischem Streit aufgeladen. Heute steht die Nachbildung für Kunst, Demokratie und gesellschaftliche Selbstbefragung.

Aus dem Tier wird eine Kulisse. Die Funktion bleibt.

Natürlich leidet eine Attrappe nicht. Tierethik beginnt jedoch nicht erst dort, wo einem lebenden Tier Schmerzen zugefügt werden. Sie fragt auch, wie Tiere dargestellt werden und weshalb ihr Schicksal so oft als emotionales Transportmittel für menschliche Anliegen dient.

Ein Wal zieht Aufmerksamkeit auf sich. Er liefert eindrucksvolle Bilder und die gewünschte Betroffenheit. So erfüllt Hopes Geschichte auch Monate später noch eine Aufgabe, die Menschen ihr zugewiesen haben.

Vielleicht ist genau das die unbeabsichtigte Pointe der Inszenierung.

Wir erzählen uns, es gehe um Hope. Tatsächlich geht es längst wieder um uns und um den Wunsch, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

Hope selbst hatte keine Botschaft. Der Fall Hope hat dennoch vieles sichtbar gemacht.

Die Frage ist, ob wir daraus etwas lernen – oder ob wir den Wal so lange mit neuen Bedeutungen versehen, bis hinter all den Botschaften vom Tier selbst nichts mehr zu erkennen ist.

— Melanie Voigt


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